„Eristik“ beschreibt in der Philosophie die „Lehre vom Streitgespräch“, während „Dialektik“ für die „Kunst der Unterredung“ steht. Arthur Schopenhauer war derjenige, der 1830 mit seinem gleichnamigen Manuskript den Begriff „Eristische Dialektik“ prägte. Er beschreibt darin eine Kunstlehre, um in einem Streitgespräch als derjenige zu erscheinen, der sich im Recht befindet. Hierzu hat er 38 rhetorische Kunstgriffe eingeführt, die nicht der Wahrheitsfindung dienen, sondern dafür sorgen sollen, dass man in einem Streitgespräch Erfolg hat, indem man seine eigene Position als plausibel verkauft. Um einen Einblick in die Eristische Dialektik zu geben, werden nachfolgend einige dieser Kunstgriffe vorgestellt.

 

Kunstgriff Nr. 2: Homonymie

Homonymie beschreibt die Verwendung mehrdeutiger Begriffe. Beispielsweise kann das Wort „tief“ für einen Ton stehen, aber auch für eine Eigenschaft eines Gegenstands. In vielen Fällen ist aus dem Gespräch ersichtlich, welche Bedeutung einem mehrdeutigen Wort zugesprochen wird – in manchen Fällen ist es jedoch deutlich schwieriger, besonders wenn die Begriffe miteinander verwandt sind oder ineinander übergehen. Hier kann dieser Kunstgriff erfolgreich angewandt werden, indem ein Trugschluss aus den verschiedenen Bedeutungen eines Wortes indiziert wird, beispielsweise mit dem Argument: „Ich glaube, Sie haben das Wort falsch verstanden“.

 

Kunstgriff Nr. 8: Provokation durch Fragen

Bei diesem Kunstgriff wird der „Gegner“ im Streitgespräch durch provokante Fragen oder gar Schikanen bis zum Zorn gereizt. In einem wütenden emotionalen Zustand kann er nicht mehr richtig urteilen und seinen Vorteil wahrnehmen.

Wer merkt, dass sein Gegner diese Taktik anwendet, sollte versuchen, sich in Diskussionen nicht ärgern zu lassen, und sich genügend Zeit für überlegte Äußerungen nehmen.

 

Kunstgriff Nr. 14: Recht behaupten

Nach mehreren Zugeständnissen wird eine Behauptung triumphierend als Schluss aus ebendiesen präsentiert, wobei sie sich nicht wirklich aus ihnen ableiten muss. Laut Schopenhauer funktioniert dieser Kunstgriff besonders gut, wenn der Gegner schüchtern oder nicht besonders intelligent ist und man selbst über eine gute Stimme verfügt.

 

Kunstgriff Nr. 17: Spitzfindigkeit

Sollte der Gegner ein Argument überzeugend widerlegen, gilt es, nachträglich Fallunterscheidungen einzuführen oder zu behaupten, der Gegner hätte ein Homonym verwechselt. Hier gilt es, genau zuzuhören und etwaige Homonyme aufzugreifen und zu notieren, um sie dann schnell abrufen zu können.

 

Kunstgriff Nr. 24: durch Konsequenzen widerlegen

Aus einer Behauptung des Gegners werden Fehlschlüsse gezogen, die seiner Meinung und der eines eventuellen Publikums widersprechen oder sogar anerkannte Wahrheiten widerlegen. Durch das Ziehen dieser Fehlschlüsse aus den Behauptungen des Gegners kann man bewirken, dass dieser seine Behauptung zurückziehen muss – und in seiner Glaubwürdigkeit eingeschränkt wird.

 

Kunstgriff Nr. 29: Diversion

Dieser Kunstgriff wird angewendet, sobald der Gegner eine offensichtlich zielführende Argumentation begonnen hat, gegen die sonst nichts hilft. Hier wird ein Ablenkungsmanöver gestartet, indem man den Gegner von einer komplett neuen, unerwarteten Seite angreift. Dies kann man tun, indem man einen anderen Aspekt des Themas in den Fokus rückt. Dieses Strategem hält Schopenhauer für weit verbreitet.

 

Kunstgriff Nr. 30: Berufung auf Autoritäten

Bringt der Gegner ein Argument vor, so kann man dagegen argumentieren, indem man keine Sachgründe anführt, sondern sich auf die Positionen von Experten auf dem Gebiet beruft, die der Gegner aufgrund ihrer Autorität nicht anzuzweifeln wagt. Es ist hierbei nicht relevant, ob die Expertenaussage in einem komplett anderen Zusammenhang getroffen wurde – oder gar erfunden ist. Wichtig ist, dass der Gegner diese Person als Autorität anerkennt und ihre Kompetenz nicht anzweifeln würde. Außerdem ist darauf zu achten, dass der Gegner diese Person nicht gut genug kennt, um ein abgewandeltes Zitat als solches zu erkennen. Solange er dies nicht tut, wird er davor zurückschrecken, der Autoritätsperson zu widersprechen.

 

Fazit

Die Eristische Dialektik stützt sich auf 38 Kunstgriffe, mit deren Hilfe man als Sieger aus einem Streitgespräch gehen soll. Sie sind ein wirkungsvolles Mittel, um seinen Gegner aus dem Konzept zu bringen und seine eigene Plausibilität zu unterstreichen. Es kann daher nicht schaden, den einen oder anderen Kunstgriff zu kennen.

Herzliche Grüße,
Mario Grabner

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